13. Sonntag im Jahreskreis A | Dem Leben Raum geben

13. Sonntag im Jahreskreis A | 28. Juni 2020

Aus dem zweiten Buch der Könige 4,8:

„Eines Tages ging Elíscha nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam. Sie aber sagte zu ihrem Mann: Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.

Als Elíscha eines Tages wieder hinkam, ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen. Und als er seinen Diener Géhasi fragte, was man für diese Frau tun könne, sagte Géhasi: Nun, sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt. Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie und sie blieb an der Tür stehen. Darauf versicherte ihr Elíscha: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen.“

Grün wird nun bis zum Advent die liturgische Farbe der Sonntage sein. Die jeweils wechselnden Bibeltexte sind dann besondere Farbtupfer in diesem Grün. Die Farbtupfer heute heißen: dem Leben Raum geben! Geht es Ihnen auch so? In diesen Tagen – das Hauptwort heißt Abstand – freut man sich ganz besonders über gute Nachrichten aus dem Bekannten- und Freundeskreis. So habe ich heute die erste Lesung zum Thema unserer Eucharistiefeier gemacht. Fast wie in einem Märchen endet die Lesung aus dem Alten Testament: „Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst Du einen Sohn liebkosen.“

Jetzt würden wir natürlich zu gerne wissen, ob die Verheißung des Elíscha auch Wirklichkeit geworden ist. Das ist nachzulesen – auch im Buch der Könige – weiter hinten.

Propheten sind keine Sprücheklopfer, so wie auch ihr Auftraggeber kein Sprücheklopfer ist – Gott selber. Propheten geht es um das Leben, sie haben Erfolg, wo dem Leben auch Raum gegeben wird. Mit harter Sprache schlagen sie drein, wo das Leben behindert und abgewürgt wird. Diese Linie zieht sich durch auf vielen Seiten der Bibel bis zu Jesus von Nazareth, dem größten der Propheten. Dieser Prophet sagt ganz ausdrücklich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Diese Frau aus der heutigen Geschichte war eine Abgeschriebene. Ohne Kinder, vor allem ohne Sohn, war sie in damaliger Vorstellung ein Nichts – namenlos deshalb. Sie selbst reiht sich aber ein in die Zahl jener tapferen Frauen, von denen in der Bibel erzählt wird: Sie hatte sich selbst nicht abgeschrieben. Sie bleibt offen für das Leben, gerade so wie es auf sie zukommt. Wie von ungefähr kommt so auch Elíscha daher, in dem sie Leben-Verheißendes erahnt: „Ich weiß, dass dieser ein heiliger Gottesmann ist.“ Raum gibt sie ihm und gibt sich so selber Raum fürs Leben.

Dem Leben Raum geben, in seinen vielfältigen Formen, das ist mehr als nur ökologisches Denken und Verhalten. Creation können wir die erste Seite der Bibel überschreiben – Schöpfung Gottes. Kreativ zu werden ist Auftrag unseres Gottes. Dem Leben Raum geben in allen nur denkbaren Formen und zuvorderst der wohl schönsten menschlichen Form: liebkosen. Adam gibt seiner Partnerin den Kosenamen Eva. „Du mein Leben“, so heißt Eva auf Deutsch.

An dieser namenlosen, aber vornehmen Frau mag uns der sperrige Satz Jesu aus dem heutigen Evangelium ein wenig verständlich werden: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren. Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“

Das Liebkosen eines Kindes war dieser Frau bislang versagt geblieben. Verloren hat sie aber wohl immer wieder ihr Herz an Menschen, die vorbei kamen wie dieser Elischa. Menschen, die etwas zum Essen brauchten und Raum zum Leben. Und das ist ja auch mehr, als das Sozialamt garantiert: In Deutschland muss niemand verhungern.

Und da gibt es jetzt noch einen anderen Satz Jesu, der zum Verlieren und Gewinnen von Leben gehört, der lautet so: „Was nutzt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber an seiner Seele Schaden leidet?“ Nach einer anderen Version heißt es: „dabei aber sich selber verliert.“ Einsichtig ist dieser Satz wohl jedem. Er gehört nicht nur zur Spiritualität des Christen, sondern auch in die Spiritualität fernöstlicher Meditation. Aber seien wir nüchtern: In das momentane Zeitgefühl passt dieser Satz Jesu nicht. Jesus meint: Wir sollten dem Leben in uns selber zuerst einmal Raum geben, Raum schaffen für uns selber – und dann für andere. Zwischen Gerümpel in uns selber, zwischen verquerem Denken in Herz und Verstand kann Leben nicht wachsen. Und eine Rumpelkammer ist auch für andere nicht einladend.

Wo Raum geschaffen ist, da ist auch neues Denken möglich, ein ganz einfaches Denken nämlich: das Danken. Das ist wohl die besondere Einladung in dieser Elíscha-Geschichte: das Danken neu lernen.

Georg Kappeler SJ
Bild: Peter Weidemann | in: Pfarrbriefservice.de