16. Sonntag im Jahreskreis |

Predigt von P. Georg Kappeler SJ
16. Sonntag im Jahreskreis B – 18. Juli 202021

Evangelium nach Markus (6,30-34):

In jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.
 

Heute wieder drei ganz interessante Bibeltexte. Sie lassen sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Jeder Text für sich verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Das soll aber nicht in Stress ausarten, meint vielleicht Jesus im heutigen Evangelium.

„Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht ein wenig aus.“ Solche Sätze traut man eigentlich Jesus gar nicht zu. Und nur der Evangelist Markus hat sich getraut, diese Sätze Jesu an uns weiterzugeben. Bei Matthäus, Lukas und Johannes sucht man vergebens nach diesen Sätzen Jesu. ⇒⇒⇒

Jesus kannte noch nicht das Wort Stress, aber ganz offensichtlich treffen die ausgesandten Apostel ganz gestresst bei Jesus ein. Er sieht es ihnen an. Ein ganz sympathischer Zug an Jesus, den uns Markus da schildert. Ich denke, diese Szene, die uns da Markus überliefert hat, hat mehr Bedeutung als nur der Appell: Mach mal Pause. Religiös engagierte Menschen in allen Religionen – bleiben wir nur einmal bei uns Christen – können oft ganz unangenehm unter Strom stehen, im Stress stehen. Sie meinen für das ganze Universum verantwortlich zu sein und machen mobil, um die Welt zu retten. Selbst der liebe Gott hängt von ihrem Glauben ab. Ihr Bemühen, die ganze Welt glücklich zu machen, wenigstens die Menschen um sie herum, nervt oft ganz schön diese Menschen um sie herum. Wer religiös ständig unter Strom steht, kann gar nicht mehr wahrnehmen, dass die Kirche nicht zu retten ist durch solchen Stress. Diese religiöse Betriebsamkeit führt nur zu einer ständigen Selbstüberforderung, zum Dauerstress. Sie können ja nichts dafür, aber solche Menschen wirken einfach lästig. Sie sind eher hinderlich, wenn es um Glauben geht.

„Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind“, sagt Jesus seinen Aposteln. Zu Beginn der Ferien- und Urlaubszeit ist es auch völlig legitim, die Einladung Jesu auf sich selber zu beziehen. Der einsame Ort und das Alleinsein – da schwingen doch wie von selbst Urlaubsgedanken mit. Ob wir es mit dem Alleinsein und an einem einsamen Ort überhaupt aushalten? Brauchen wir da auch wieder den Trubel und die Animation, weil wir es mit dem Alleinsein nicht aushalten. Sich selber aushalten, um dann auch wieder andere aushalten zu können! Ein Ferien- und Urlaubsmotto, das natürlich einen ganz anderen Event-Charakter hat, als es in Urlaubsprospekten steht.

Ob nicht auch die Bemerkung im Markus-Evangelium von Bedeutung ist: „Sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen“. „In jener Zeit“, so hat der Evangelientext heute, wie an jedem Sonntag begonnen und wir merken: Jene Zeit ist ja heute, wo es oft keine Zeit mehr gibt für das gemeinsame Essen, für das gemeinsame Leben, für das gemeinsame Nichtstun.

Ich stelle mir vor, manche von uns wollen in diesen Wochen den Ort finden, wo sie allein sind und ausruhen: im Gras liegen, ein Luftzug spielt mit den Gräsern, Kinder laufen den Schmetterlingen nach, jagen das Blau des Himmels, die Atemzüge hören sich selber. Ich sehe das Gras wachsen und das Himmelreich. 

Georg Kappeler SJ