Christi Himmelfahrt | Glaube, der die Erde liebt


Christi Himmelfahrt 2020 | 21. Mai
2020

Aus dem Evangelium nach Matthäus 28,16-20:

„In jener Zeit gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Aus der Apostelgeschichte 1,3-11:

Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“


Im Schwarzwald (wo ich lange lebte) lässt der Frühling in jedem Jahr ziemlich lange auf sich warten. Rechtzeitig zum Fest Christi Himmelfahrt aber sind die Schlüsselblumen da. Im Alemannischen, besonders in der Schweiz heißen sie „Himmelsschlüsseli“. Die Schlüssel zum Himmel sind auf dieser Erde zu finden, will das wohl heißen. Für mich sind diese gelben Frühlingsboten ein lebendiger Kommentar zu dem Satz aus der Apostelgeschichte: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ An Christi Himmelfahrt offenbart sich ein Glaube, der die Erde liebt.

Bei jedem Fest im Kirchenjahr feiern wir nicht etwas Vergangenes – etwas, was damals war. Wir feiern immer unser eigenes Leben, unsere eigene Hoffnung. Das ist besonders wichtig beim heutigen Fest. Der Name „Christi Himmelfahrt“ und die Bilder in der Kunst verleiten ja fast zu einem Missverständnis: Himmelfahrt Jesu – also ist er weg von der Erde, zurückgekehrt in einen fernen Himmel, nach einem kurzen Zwischenspiel auf der Erde. Das kann es wohl nicht sein, was wir feiern.

Das heutige Fest ist kein Abschiedsfest, sondern das Fest einer neuen Nähe: Jetzt ist Er nicht nur den Menschen von damals nahe – gebunden in Raum und Zeit in der Landschaft Galiläas. Heute ist er uns allen nahe, nicht nur den Jüngern von damals in dem Land am Rand der Welt.

Himmel ist, wo wir Menschen uns auf diesen Jesus einlassen, wo wir es wagen mit seiner ohnmächtigen Liebe, wo wir seine Botschaft vom Leben weitertragen, wo wir nicht wie die Jünger von damals zum Himmel starren, sondern nach vorne schauen, voll Vertrauen, dass er da ist. Nicht in einen fernen Himmel fliehen, sondern ein Stück Himmel auf die Erde ziehen. So feiern wir Christi Himmelfahrt richtig.

Und dabei müssen wir uns immer wieder sagen lassen: Wir sind als Christinnen und Christen nicht dazu berufen, für das Überleben der Kirche zu sorgen, sondern für das Wohl und Heil der Menschen. Wir beteiligen uns an dem Projekt Jesu Christi: Die Menschen sollen das Leben in Fülle haben. Und das heißt Hand anlegen, Zupacken und nicht zum Himmel starren, ondern menschliche Begegnung im Sinne Jesu.

Die Himmelsschlüsseli wachsen eben auf dieser Erde. Daran ist zunächst gar nichts Himmlisches. Geht zu den Menschen, sagt Jesus. Das muss nicht gleich die ganze Welt sein. Das sind die Menschen in unserem Lebensumfeld, die Familie, die Nachbarschaft, die Gemeinde – unser Tal. So wird ein wenig Himmel auf Erden. So ist die Welt gegen den häufigen Anschein nicht von allen guten Geistern verlassen.

Es ist die erstaunliche Erfahrung der ersten kleinen Christengemeinden nach der Himmelfahrt Jesu: Gerade der, den man verspottet und getötet hatte, er hat in Wahrheit Macht über alle Herzen. Sein Reich des Geistes ist stärker als jedes Reich, das Menschen irgendwann im Laufe der Geschichte gegründet haben. Alle Throne dieser Welt werden vom Strom der Zeit hinweggeschwemmt. Einzig die Überzeugung von der Allmacht der Liebe überdauert alles. Die Liebe ist glaubhaft für die Menschen aller Zonen und Zeiten. Im Raum solcher Erfahrung von Liebe können wir spüren, was unsere wahre menschliche Bestimmung ist: Jeder Mensch ist ein Kunstwerk – in die Zeit gegeben – geschaffen für die Ewigkeit – gebildet im Himmel – wie eine Leihgabe des Göttlichen in diese Welt. Aber der Mensch wird nie aufhören sich nach dem Himmel zu sehen.

Man hat dem Christentum den Vorwurf gemacht, dass es mit dieser Botschaft von der Himmelfahrt im Grund die Weltflucht predige. Die Wirklichkeit ist aber gerade umgekehrt: Wir müssen erfüllt sein von der Gewissheit unserer ewigen Bestimmung, damit wir diese Welt bestehen können. Wir brauchen diesen Ausblick, um inmitten dieser Welt die Hoffnung nicht zu verlieren.

Das jährliche Fest Christi Himmelfahrt ist ein alljährliches Einüben in Glauben, Hoffen und Lieben.

Georg Kappeler SJ