Christkönigsfest 2021

Predigt von P. Georg Kappeler SJ
CHRISTKÖNIGSFEST | 21. November 2021

Evangelium nach Johannes (18,33b–37):

In jener Zeit fragte Pilatus Jesus: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete:
Sagst du das von dir aus oder haben es dir andere über mich gesagt? Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier. Da sagte Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.


„Ja, ich bin ein König“, sagt Jesus und er möchte, dass wir ihm nachsprechen können: Ja, ich bin eine Königin, ja ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen.

Es gibt viele, die reagieren allergisch auf Kirche. Sie möchten sich nichts vorschreiben lassen. Sie haben da ihre Erfahrungen, drum die Allergie.

Es mag sein, Diskussionen um Kirche bringen nicht viel. Wenn schon Christ, dann müssen wir alle wieder zurück zur Botschaft Jesu, zurück zu seiner Person. Darum geht es wohl im heutigen Christkönigsfest, das ich überschreibe: 

JESUS – DER MANN, DER IN KEIN SCHEMA PASST

Wir alle kennen ja vom Karfreitag her die Szene: Jesus steht vor Pilatus und steht zur Verurteilung an. Jesus steht, Pilatus sitzt. Er sitzt auf einem wackeligen Thron, wie wir aus der Geschichte wissen. Ein Mann voller Angst, weil die Macht, die er in Händen hat, seine ganze Person ausmacht. Jesus steht ohne Angst da und deshalb kann er auf die Frage des Pilatus antworten: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe.“ ⇒⇒⇒

„Was ist Wahrheit“, fragt in einer gewissen Überheblichkeit Pilatus. Jesus von Nazareth hat das in seinem Leben vorgeführt, was das ist – WAHRHEIT: Nichts anderes als dies, dass die Menschen Mensch sein dürfen. Königliche Menschen sollten wir werden dürfen, von einer inneren Freiheit und einer Leidenschaft für das Menschsein des Menschen.

Ja, Jesus von Nazareth, du passt in kein Schema, du bist ganz anders:
Du stelltest dich zur Ehebrecherin, als sich alle von ihr distanzierten.
Du kehrtest bei Zachäus ein, als alle sich über ihn empörten. 
Du riefst die Kinder zu dir, als alle sie wegschicken wollten.
Du vergabst dem Petrus, als er sich selbst verdammte.
Du versprachst deinem mitgekreuzigten Nachbarn das Himmelreich,
als alle ihm die Hölle wünschten.
Du riefst Paulus in deine Nachfolge, als alle ihn als Verfolger fürchteten.
Du bist vor dem Ruhm geflohen, als alle dich zum König machen wollten.
Du liebtest die Armen, als nur die Reichen etwas galten.
Du heiltest Kranke, als sie von allen aufgegeben waren.
Du schwiegst, als alle Dich verklagten und verspotteten.
Du starbst am Kreuz zur Stunde, als die anderen mit dem Osterlamm feierten.
Du erstandest vom Tod, als alle meinten, nun sei es zu Ende.
Ja, Jesus von Nazareth, wir danken dir, dass du so anders bist.

Für einen solchen König die Hand ins Feuer legen, ja darum geht’s. Der Evangelist Johannes war noch ein junger Kerl, als er in der Freundschaft mit Jesus merkte: Ja, für diesen werde ich meine Hand ins Feuer legen. Als alter Mann schreibt Johannes ein Evangelium und legt da Jesus die Worte in den Mund: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Die Erfahrung mit Jesus: Ja, er ist mir Weg, Wahrheit und Leben geworden.

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in der braunen Zeit in Deutschland, haben viele jungen Leute für diesen König nicht nur die Hand ins Feuer gelegt, sondern ihren Hals unters Fallbeil und in die Schlinge legen müssen.

Das ist Gott sei Dank in unserem Lande nicht mehr gefordert, wenn du das Knie vor diesem König, und vor diesem allein, beugen willst.

Der Menschensohn auf den Wolken des Himmels verlangt keine liturgisch korrekte Kniebeuge, sondern: Was immer ihr einer meiner geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Diese so feierliche Szene: Der Menschensohn mit all seinen Engeln auf dem Thron seiner Herrlichkeit. Wir erkennen unschwer den Mann aus Nazareth, den Mann, der in kein Schema passt. Da ist nix „gloria in excelis deo“ (Ehre sei Gott in der Höhe), sondern um das Zusammenleben auf dieser Erde geht es.

In der Deutung dieser Szene geht oft der Satz unter: „Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen.“ Da geht es wohl nicht nur um die Verantwortung des Einzelnen, sondern um die Gesamtverantwortung der Gemeinschaft eines Volkes, der Völker und Staatengemeinschaften. Auf ganz aktuelle Art passt der Satz in unsere Tage, in denen eine neue Regierung für Deutschland im Entstehen ist.

Und dann sind wir natürlich in der eigenen Persönlichkeit angefragt und gefordert. Das Geforderte ist aber nichts Großartiges, was der Menschensohn auf den Wolken des Himmels einfordert.

Es ist die einzige Anmaßung, die sich der Menschensohn auf den Wolken des Himmels erlaubt: Was ihr einer meiner geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.

Der Mann, der in kein Schema passt, ist der Orientierungspunkt unseres Lebens. Und jetzt sag ich’s in der gewohnten Sprache: Er ist für uns das Wort des lebendigen Gottes. Alles andere sind nur Wörter.

Georg Kappeler SJ