Fünfter Sonntag der Osterzeit | Ich bin der Weinstock

Predigt von P. Georg Kappeler SJ
Fünfter Sonntag der Osterzeit – 2. Mai 2021

Evangelium nach Johannes (15,1-8):

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 1Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.


Auch wenn wir hier am Ammersee nicht in einer Weingegend zu Hause sind, kann man das Bildwort Jesu vom Weinstock ohne weiteres verstehen: Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben.

Alles Leben, auch unser eigenes, wächst aus anderem Leben heraus. Nicht nur unser genetisches Erbe kommt von unseren Eltern. Auch unsere Sprache übernehmen wir von ihnen. Wir wurden in eine Kultur hineingeboren, die uns prägt. Nicht nur am Anfang, auch im weiteren Verlauf unseres Lebens empfangen wir Impulse, Anregungen oder Warnungen aus unserem Lebenszusammenhang. Dabei geht vieles in unser Leben ein, was uns guttut. Es gibt aber auch manches, was uns behindert. Wir wachsen nicht in einer heilen Welt auf. Über die gesellschaftliche Luft, die wir atmen, können auch Misstrauen und Vorurteile in uns eindringen. Unser Leben wird mitbestimmt von dem, was aus unserer Umgebung in uns hineinkommt. ⇒⇒⇒

Diese Erfahrung nimmt nun die Bildrede unseres Evangeliums auf. Christsein heißt, in einen neuen Lebenszusammenhang hineingenommen zu sein.

Gott schenkte uns in Jesus den einen, ganz von seinem Geist erfüllten Menschen. An sein Leben sollten Menschen angeschlossen werden – an den wahren Weinstock als Rebzweige aufgepropft. Das geschah und geschieht in der Taufe, wie wir einmal gelernt haben. Da wurden und werden Menschen in eine Gemeinschaft mit Jesus gebracht, in der sein Geist in sie einfließt, wie ein Weinstock seinen Saft in die Reben bringt.

Von Früchten ist dann die Rede. Da aber wird nicht von Leistung gesprochen. Den Korb der Früchte beschreibt einmal Paulus so: Liebe – Freude – Friede - Geduld – Freundlichkeit – Güte.

Für das Geschenk der Taufe ist Gott gegenüber keine Leistung zu erbringen. Er möchte in unserer Taufe, dass wir zu einer eigenständigen Persönlichkeit auf den Spuren Jesu heranreifen.

Wer in einer Weinbaugegend groß geworden ist und etwas vom Weinbau versteht, weiß auch, wie das mit den Rebzweigen ist. Wer bestimmt, ob sie rote oder weiße (grüne) Trauben bringen, welche Traubensorte, ob Riesling oder Burgunder? Das bestimmt nicht der Weinstock, auch nicht der Saft in dem Weinstock, sondern allein der Rebzweig. Das ist für uns Christen von heute etwas ganz Wichtiges. Nicht genormt zu sein auf ein bestimmtes Ergebnis, auf ein bestimmtes Verhalten und Wachstum. Das Besondere in der eigenen Persönlichkeit als Rebzweig zur Entfaltung bringen zu dürfen. Wir sagen heute dazu: Das eigene Charisma entdecken und damit auf den Spuren Jesu bleiben – Leben und Handeln im Sinne Jesu.

In dem Bildwort Jesu ist noch vom Winzer die Rede, der mit seinem Rebmesser schneidet. Der richtige Schnitt steigert die Qualität der Trauben. Qualität statt Quantität – weniger ist mehr heißt die Devise

Man kann auch da eine kleine Meditation anschließen: Es braucht in unsrem Leben gar nicht den Winzer, der Gott selber ist. Eine solche Arbeit des Beschneidens wird erledigt im Laufe unseres Lebens durch das, was auf uns zukommt, uns zustößt. Wo sich immer wieder zeigt, was in unserem Leben getragen und was getrogen hat. Wir reden da, vielleicht etwas vorschnell, vom Kreuz in unserem Leben. Im Extremfall gibt da gar nicht so selten das persönliche Golgotha. Das ist etwas anderes als Oberammergau.

Der Weinstock nun ist dieser unansehnliche Knorzen, der nach Jahren Armdicke erreicht. Jesus sagt: Das bin ich selber. Dieser Weinstock streckt seine Wurzeln ins Erdreich. Erdreich – ein Bild für Gott selber, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Und der Saft und die Kraft, die aus dem Erdreich über die Wurzeln und den Weinstock bis zur Rebe gelangt, ist ein wunderbares Bild für den Geist Gottes, den heiligen Geist, der das Leben im Rebzweig schafft, Frucht bringen lässt.

Das Geheimnis der eigenen Lebensgeschichte entdecken und zur Entfaltung bringen ist unser Auftrag, das Abenteuer des christlichen Lebens. Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben – sagt Jesus dazu.

Georg Kappeler SJ