Kirchweihsonntag 2020 | Verrücken

KIRCHWEIHSONNTAG 2020 | 18. Oktober 2020

Für den Kirchweihsonntag habe ich den Bibeltext aus dem 1. Buch der Könige (1 Kön 8,27ff) gewählt. Es ist das Gebet des Königs Salomon, nachdem sein Tempel fertig ist. Es beginnt mit der Frage: Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Die Frage Salomons vor fast 3000 Jahren ist eine Frage geblieben bis in unsere heutige Zeit:

Ein Gott im Himmel – fernab der Pandemie? Diese Frage lässt einen, der es mit Gott halten will, nicht los.

Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde?
Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel
fassen dich nicht,
wie viel weniger dieses Haus,
das ich gebaut habe.

Wende dich, HERR, mein Gott,
dem Beten und Flehen deines Knechtes zu!
Höre auf das Rufen und auf das Gebet,
das dein Knecht heute vor dir verrichtet!

Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag,
über der Stätte, von der du gesagt hast,
dass dein Name hier wohnen soll!
Höre auf das Gebet,
das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet!

Achte auf das Flehen deines Knechtes
und deines Volkes Israel,
wenn sie an dieser Stätte beten!
Höre sie im Himmel,
dem Ort, wo du wohnst!

Meine Gedanken zum Kirchweihsonntag 2020 haben es mit dem Verrücken zu tun – mit dem Verrückten. Einen Schrank kann ich nicht mehr verrücken, da fehlen mir die Kräfte. Mit dem Kopf und mit dem Herzen verrücken, das geht bis ins hohe Alter. Es braucht nur Wille und Mut. Meine Ausrede „das geht nicht“ will ich nicht gelten lassen.  Und ob es um das Verrücken in unserer Kirche geht – dazu habe ich zum Kirchweihsonntag eine kleine Geschichte:

Ein Priester kommt neu in die zukünftige Kirchengemeinde. Schon am ersten Sonntag stellt er fest: eine sangesfreudige Gottesdienstgemeinde. Ich möchte fast sagen: so wie in Utting oder Schondorf trotz Maske. ⇒⇒⇒

Das Lieblingslied war das „Gloria in excelsis Deo“ Lateinisch und Deutsch „Ehre sei Gott in der Höhe“. Der neue Pfarrer war nun sehr verwundert, dass die Leute das Gloria auch im Advent singen wollten und auch sangen. Liturgisch war das allerdings nicht korrekt, durfte gar nicht sein. Ein gutes Gespräch mit Gottesdienstteilnehmern brachte es auf den Punkt: In diesem Gloria bündelt sich das Lebensgefühl eines Christen: das Loben, das Danken, der Jubel, das Bitten, das Flehen in aller Not, einfach alles kommt im Gloria vor – mehr als im Credo – dem Glaubensbekenntnis. Der Pfarrer ließ sich von diesen Argumenten überzeugen. Nun kam aber auch die Fastenzeit, in der das Gloria wiederum in der Liturgie nicht vorgesehen war. Es wurde aber munter gesungen.

In Richtung Karwoche bekam der Pfarrer aber Bauchweh: das Gloria in der Karwoche und gar am Karfreitag! Das geht ja wohl nicht. In seiner Not schrieb er nach Rom und fragte nach bei der zuständigen Stelle. Mit den Argumenten der Menschen bekam er einen guten Brief zustande und am Schluss des Briefes die Frage, ob das geht, das Gloria auch am Karfreitag. Prompt kam die Antwort aus Rom: Das geht nicht, unter keinen Umständen! Nach Ostern, in einer ruhigen Stunde, schrieb der Pfarrer nach Rom: Doch, es geht. Wir haben es probiert.

Wenn Sie nun hinter der Maske schmunzeln, freut mich das: Sie sind mit mir einig: Manches in unserer Kirche, größere und kleinere Kleinigkeiten muss man einfach einmal verrücken, muss man probieren, ob es besser geht und besser ist. Ich möchte Sie ermutigen, einfach einmal auszusprechen, wo Sie und wie Sie in unserer Kirche etwas als merkwürdig empfinden. Ich möchte Sie ermutigen mit meiner Maske, auf der steht: „I sag ja nix, i mein ja bloß.“ Mit einem solchen Motto würde in unserer Kirche auch Dringendes und Drängendes zur Sprache kommen, was man wieder zurechtrücken müsste.

Kirchweihgedanken in Corona-Zeiten. Ich möchte auch etwas persönlicher werden: Im Jahr 2017 war ich 50 Jahre Priester. Ich bin heute eigentlich froh, dass ich aufgrund der Tumorerkrankung kein Jubiläum feiern konnte. Denn heute bin ich mir sicher, dass im Laufe der Jahre so manches gefehlt hat, was das Jubiläum „50 Jahre Priester“ rechtfertigen würde.

Sie haben vielleicht auch bemerkt, dass ich in diesen Corona-Zeiten mit Ihnen keine Eucharistiefeier halte. Trotz der überwundenen Erkrankungen wurde mir dringend davon abgeraten. Ich halte aber so manchen (nicht Eucharistiefeier!) Gottesdienst und habe genügend Aufgaben, die zu einem Priester gehören. Und ich mache nun ganz positive Erfahrungen, wie bewegend es für mich ist, wenn ich die Hände hinhalte und die Kommunion gereicht bekomme. Bei dieser Erfahrung wird bei mir so manches zurechtgerückt. Mir fehlt gar nichts, wenn ich nicht selber zelebriere.

Die Spatzen pfeifen es vom Dach, dass in unserer Kirche so manches, Tiefergehendes zur Sprache kommen und zurechtgerückt werden müsste. Vielleicht ist der sogenannte „Synodale Weg“ eine Chance für das Zurechtrücken. Ich denke aber: Die Pandemie ist die ganz große Chance für unsere Kirche, von unten bis oben, von oben bis unten: Die Perle unsere Glaubens wieder ins rechte Licht zu rücken – auch und gerade wenn Widerstand aus verschiedenen Ecken  kommt. Wir sind eben miteinander immer unterwegs auf der Suche nach dem Wahren.

I sag ja nix, ich mein ja bloß.

Georg Kappeler SJ
Bild: Peter Weidemann | in: Pfarrbriefservice.de