Predigt von Pater Georg Kappeler zum Weltmissionssonntag, 30. Sonntag im Jahreskreis

30. Sonntag im Jahreskreis C

 Missionssonntag

27. Oktober 2022

 

Evangelium: nach Lukas 18,9:

„In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Gleichnis:

Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner

Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.

Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines Einkommens.

Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig.

Ich sage euch: dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

 

 

In jedem Sonntagsgottesdienst stellen wir unter die Augen Gottes und beginnen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Der Sonntag ist Geschenk und Gelegenheit sich den Blicken Gottes auszusetzen. In der Stunde der Wahrheit brauchen wir uns vor ihm nicht zu verstecken – wir können es auch gar nicht. Zu einem ehrlichen Leben unter den Augen Gottes will das Evangelium heute ermutigen. Die Stunde des Gottesdienstes ist ein Abenteuer: ich gerate vor Gott. Und in dieser Begegnung soll ich ja nicht bleiben, wie ich bin. Mit mir soll in dieser Stunde etwas passieren – eine Wandlung, die ich nicht einplanen kann, aber für die ich mich bereit halte.

 

Ich kann einen Gottesdienst als Veranstaltung betrachten und abhaken, ohne den großen Verwandler an mich heran zu lassen. Gott würde abprallen an mir. Ich benutze ihn vielleicht, um mein Leben bestätigen und absegnen zu lassen. Der Kirchenraum ist aber kein Ort, an dem ich mich selbstzufrieden vor Gott betrachte. Die Stunde des Gottesdienstes ist nicht die Gelegenheit zur frommen Selbstdarstellung. Jesu Erzählung von heute hält mir den Spiegel vor: wie stehe ich jetzt da vor ihm?

 

Jesus nimmt uns mit in den Tempel. Wir beobachten aus nächster Nähe zwei Beter, vereint zur selben Zeit unter dem einen Gottesdach mit derselben Absicht, zu beten.

Jesus erlaubt es uns, zwei betenden Menschen nahe zu treten, weil es um mich geht. Wir kennen diese Geschichte zu gut. Unsere Sympathien sind ohnehin längst verteilt. Oft wird der Pharisäer zu einem Negativklischee. Deshalb ist der Hinweis wichtig: hier werden keine Noten verteilt, wer schöner oder richtiger betet.

Der Zöllner hat auch nicht richtiger gebetet. Er gibt Gott allerdings eine Chance. Auf dem ersten Blick passiert auch am Zöllner nichts: keine umwerfende Gotteserfahrung, keine Umkehr. Er ließ es nur zu, dass Gott ihm nahe kommen durfte. Das ist die unerwartete Rechtfertigung dieses Hinterbänklers.

Ganz hinten geht ihm auf, wo er sich  befindet. Ein heiliger Schrecken vor dem heiligen Gott durchfährt ihn. Bin ich hier richtig? Wie weit darf ich mich vorwagen?

 

Es formuliert sich ein Gebet, das lautet so:

 

Gott des Erbarmens und der Güte,

Ich weiß um die Gefahr der Frommen,

sich besser und dir näher zu dünken als die anderen.

Ich weiß aber auch um die Gefahr der Verzweiflung,

die das Herz zuschnürt und nicht mehr leben lässt.

 

Lass uns ehrlich sein vor uns selbst und vor dir,

damit du unsere Untiefen mit deinem Licht verwandeln kannst.

Versöhne den Pharisäer und Zöllner in mir.

 

Mach uns barmherzig im Umgang miteinander,

damit wir einander nicht kleiner machen, sondern aufhelfen,

damit wir uns nicht über andere erheben,

sondern sie zum Leben ermutigen,

zum Leben mit Dir, dem barmherzigen Gott.

 

Und doch rührt sich nochmals in mir die Frage: Ich bin doch ganz in Ordnung – oder etwa nicht? Die Antwort ist: Du darfst dich von Gott in Ordnung bringen lassen?

 

Es kann einer aber auch anders beten:

Schenke mir Gott einen Besen,

damit ich, zornig über die schlechte Welt

kehren kann

lächelnd vor meiner eigenen Haustüre.