Erntedank 2. Oktober 2022 - Predigt von Pater Georg Kappeler SJ

E r n t e d a n k

27 . Sonntag im Jahreskreis C – 2. Oktober 2022

Evangelium: Markus 4,26:

„In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Zuhörern: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn einer Samen aufs Land wirft. Er schläft und steht auf, Nacht und Tag. Und der Same wächst und sprosst empor. Er weiss nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann das volle Korn der Ähre.“

Der erste Sonntag im Oktober trägt in fast jedem Kalender den Titel ERNTEDANK. Ums Danken geht es also.

DANKBARKEIT ist das Gedächtnis des Herzens – Wer danken kann, für den bekommt die Welt ein anderes Gesicht.

Auch unser Zusammensein in der Kirche am Sonntag heißen wir EUCHARISTIA – auf deutsch:  Danksagen

Die Erde ist eine Herausforderung für den Menschen und gleichzeitig Geschenk. Geschenk: das wollen die Worte Jesu heute sagen. Herausforderung:  Der Mensch muss all sein Können und Wissen einsetzen, um sich und den Späteren den gottgeschenkten Lebensraum zu erhalten. Das größte Problem für den Menschen ist nun  er selber. Bis heute fand keiner der Weisen und Gelehrten eine überzeugende Antwort auf die Frage, warum der Mensch, der ja erkennt, was ihm gut tut, unfähig ist, sein theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen.

Wenn wir heutzutage als Christen Erntedank begehen – egal ob auf dem Lande oder in der Stadt – dann geht es nicht nur um Naturschutz und Umweltprobleme – dann geht es uns grundlegend um Bewahrung der Schöpfung, die in innerem Zusammenhang steht mit den beiden anderen großen Menschheitsfragen: Gerechtigkeit und Frieden. Auf der ersten Seite der Bibel haben wir als Botschaft, dass alles aus der Hand Gottes stammt. Auf der ersten Seite der Bibel haben wir aber auch den Auftrag: zu hegen und zu pflegen. Die alte Indianerweisheit drückt das so aus: Die Erde ist uns nur geliehen. In der Wissenschaft heißt dies: Nachhaltigkeit im Wirtschaften. Wir können also nicht – nicht mehr – verbrauchen, was auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen soll – Leben auf Kosten der nach uns Kommenden – zum Schaden gar der nach uns Kommenden. Die Bibel liefert uns da natürlich keine Rezepte. Wissen und Können stehen uns aber heute zur Verfügung, wie wir dem biblischen Auftrag gerecht werden können.

Wir alle kennen das Lied „Wir sind nur Gast auf Erden“. Es hat mir da einer mal gesagt: wir benehmen uns aber nicht wie Gäste, sondern wie die Axt im Walde.

Wenn wir heute die Früchte unserer Erde vor den Altar legen, ist das eine Predigt, die der Worte nicht bedarf: in ein kleines Samenkorn ist alle Dynamik des Lebens gelegt, das zu werden, was seine Bestimmung ist – alles aus sich selbst – und gleichzeitig nichts aus sich selbst – alles geschenkt: eine fruchtbare Erde – das Wasser – die Wärme – das Licht. Gabe und Aufgabe! Aufgabe: alles zu entfalten, was im Kern angelegt ist – Gabe: alles anzunehmen, was zur Entfaltung nötig ist. Danken ist da angesagt: Jede Frucht tut es auf ihre Art.

Danken in Geste und Sprache ist eine Grundfähigkeit und Grundmöglichkeit des Menschen. Den Kindern bringen die Eltern bei, Danke zu sagen. Bei uns Erwachsenen geht es wohl um die Einübung der Dankbarkeit als Grundstimmung unseres Lebens – mit der Überzeugung, dass es vielleicht  keinen Tag gibt, an dem es nicht etwas zum Danken gibt.

An Erntedank erhält dieses Danken einen speziellen Akzent: die Früchte sind nicht nur da. Der Dank nimmt sie wahr. Die Früchte laden ein zum Wahrnehmen durch ihre Farbe - durch ihre Form – durch ihren Geschmack – laden ein zum Verkosten.

Wer so danken lernt, erfährt, dass er nicht selber der eigentliche Macher des Lebens ist. Seine Arbeit ist kostbar, aber er verdankt nicht alles  seiner eigenen Leistung. Das Leben ist auch oder gerade Geschenk. Wer fähig wird zu danken, der weiß auch, dass er nicht selber Herr des Lebens ist. Er weiß, dass in allen Dingen ein Nicht-Verfügbares ist und dass sie nicht nur für ihn selber und seine Benutzung existieren. Alle Wirklichkeit aus der Hand Gottes hat etwas an sich von der Art einer Türkenbundlilie, die tief im Wald ihre Pracht entfaltet, ohne von  jemandem gesehen oder bestaunt zu werden. Sie lobt ihren Schöpfer auf ihre Art.

Wie von selbst öffnet uns die Dankbarkeit auch die Hände und lässt uns teilen. Man kann sich Geiz und Dankbarkeit nicht zusammen vorstellen. Der Geiz und die Selbstsucht suchen nur sich selber

Dankbarkeit und Gerechtigkeit – Dankbarkeit und Liebe sind Geschwister. Man kann nicht für das eigene Brot danken und es alleine essen. Alles Leben ist Teilen und Mitteilen. Wer die Gaben des Lebens für sich alleine behalten will, vereinsamt sich selber. Durch Dank und Teilen wird das Leben erst lebenswert.

P. Georg Kappeler SJ