24. Sonntag im Jahreskreis B | Für wen haltet ihr mich?

Predigt von P. Georg Kappeler SJ
24. Sonntag im Jahreskreis B | 12. September 2021

Evangelium: nach Markus (8,27-35):

In jener Zeit  ging Jesus mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsaréa Philíppi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elíja, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen. Dann begann er, sie darüber zu belehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete mit Freimut darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen.

Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.


Viele Gesichter sehen wir jetzt auf den Wahlplakaten. Diese Menschen werben um unsere Stimme am 26. September. Dazu passt jetzt die Szene aus dem heutigen Evangelium wie ausgesucht. Jesus fragt seine Jünger: Für wen halten mich die Menschen?

Mit der Predigt beginnen hieß früher, auf die Kanzel steigen. Das Wort „abkanzeln“ kommt auch daher. Auf die Kanzel steigt heute kaum einer mehr. Jeder aber, der hier vorne am Ambo zu reden beginnt, muss sich zuerst fragen: Was ist dir wichtiger, das Evangelium oder deine Worte, die du über das Evangelium sprichst? Es kann nämlich leicht vorkommen, dass ein Prediger nur seine eigenen Weisheiten verkündet und dann noch mit einem Satz Jesu oder der Apostel garniert. Das Wort der Bibel muss zunächst selber sprechen dürfen. Das Wort des lebendigen Gottes muss selber zu Wort kommen dürfen. Ich bin heute davon überzeugt, dass die Zuhörer ohne Bibelstudium die Worte Jesu oft besser verstehen, als ich mit meinen gescheiten Erklärungen. ⇒⇒⇒

Und nun zum Evangelium. Wie gewinnt dieses Evangelium Bedeutung für unser Leben? Die berühmte Frage: „Für wen halten mich die Menschen?“ ist nur Einleitung für die noch wichtigere Frage, „Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Nur selten wird die durchgängige Zielrichtung des Evangeliums so deutlich wie hier. Wir  alle, hier und jetzt, sind gemeint mit dieser Frage. Und wenn Petrus zur Antwort gibt, „Du bist der Messias“, dann ist diese Antwort nur ein Auftrag, selber eine Antwort zu finden. Denn die Vorstellungen von damals über den Messias können nicht die unsrigen sein – zumeist politische und militärische Vorstellungen auch. Halten wir uns nicht bei den damaligen Antworten auf. Das Wichtigste scheint mir, wie rigoros diese Antwortversuche korrigiert werden. „Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: „Weg mit dir, Satan. Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern, was die Menschen wollen.“

Dieses sehr harte Wort Jesu an Petrus muss aus dem Mund Jesu selbst stammen, weil es undenkbar ist, dass die Evangelisten es aus sich heraus formuliert haben. Dann heißt das aber, Jesus ist hier von Petrus an seinen Nerv getroffen, weil der nicht wahrhaben will, dass sein Geheimnis das Hindurchgehen durch Leid und Tod ist. Wir haben hier die vielleicht wichtigste Selbstdarstellung Jesu vor aus. Der einzige Titel, den Jesus für sich selbst in Anspruch nahm, war der Titel „Menschensohn“.

Die Jünger Jesu, später Apostel genannt, mussten in der Schule Jesu lernen, dass im Reich Gottes keine Titel zu vergeben sind, dass in diesem Reich keine Karriere zu machen ist. „Wer hinter mir hergehen will“, sagt Jesus, darf sich selber nicht so wichtig nehmen. In diesem Reich Gottes werden die Letzten oft die Ersten sein. Da geht es oft umgekehrt zu als sonst üblich. Und da setzt Jesus noch eins drauf: „Wer sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es gewinnen.“

Das ist harte Schule Jesu für seine Jünger, die immer wieder die naive Frage stellen, wer im Reiche Gottes links und rechts neben Jesus Platz nehmen darf. Später dann, als aus der Jesusgemeinde Kirche wurde, hatte der Apostel Paulus gegen das Karrieredenken in der frühen Kirche vorgehen müssen.

Im Laufe von 2000 Jahren hat sich viel Klerikalismus angesammelt. Papst Franziskus kommt immer wieder darauf zu sprechen. Ich selber kann mich heute noch prüfen, wo und wie ich von klerikalem Verhalten bestimmt und nicht frei von Karrieredenken war. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass mich die Priesterweihe nicht zu etwas Besserem gemacht, sondern dass ich in dieser Ordination einen Auftrag übernommen habe. So habe ich es immer freundlich zurückgewiesen, wenn mich jemand mit Hochwürden ansprechen wollte. Seien wir also froh, dass bei uns am See diese Anrede nicht mehr üblich ist oder nie üblich war.

Einigermaßen verstört hat mich in den letzten Tagen aber ein Rundschreiben aus dem Ordinariat in Augsburg. Da werden die Adressaten dieses Schreibens „hochwürdigste und hochwürdige Herren“ genannt. Ob uns da jemand auf den Arm nehmen will, war meine erste Reaktion. Dann kam bei mir aber gleich ein anderer Gedanke hoch: Hier bei uns am Ammersee habe ich gelernt, dass das Wort Würde eine ganz andere Bedeutung haben kann. Die große Spendenfreudigkeit bei uns am See weiß uns so viele Menschen auf unserer Erde, die im Elend und nicht in Würde ihr Leben leben können. Für diese Menschen wollen wir unseren Geldbeutel öffnen und die Würde dieser Menschen hochhalten. „Um des Evangeliums willen“, heißt der letzte Satz, das letzte Wort Jesu, das ich Ihnen vorgetragen habe.

Georg Kappeler SJ