Vierter Ostersonntag | Der gute Hirte

Predigt von P. Georg Kappeler SJ

4. Sonntag der Osterzeit | 8. Mai 2022

Evangelium nach Johannes (10,27-30):

In jener Zeit sprach Jesus: Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.

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Die Weide, die Schafe, die Herde und dann der Hirte sind großartige biblische Bilder. Im heutigen Evangelium geht es um den Hirten, um einen glaubwürdigen Hirten. Das Evangelium gibt eine eindeutige Antwort. Gott allein ist dieser Hirte, Mensch geworden in seinem lebendigen Wort, in Jesus Christus.

Die Christen der ersten drei Jahrhunderte kennen nur eine Christus-Darstellung: ein junger Mann mit einem Lamm auf den Schultern, das er an den Beinen festhält. Dieses Christusbild genügte den ersten Christen für ihren Glauben: „Der Herr ist mein Hirte“ – und sonst niemand.

In der heutigen Situation unserer Kirche, ja in der Situation der ganzen Welt ist das mehr als nur ein Trostpflaster. Es ist die radikale Rückbesinnung auf die Frage, wem allein zu glauben ist und wem in unserem Leben das Wort Hirte zukommen kann, auf wen ich hören will, auf wen ich bauen, auf wen ich immer wieder mein Leben aufbauen will.

Jesu Hirtenbild ist keine Schäfer-Idylle. Es hat klare, scharfe Konturen. Der gute Hirt führt ins Freie und gibt in der Freiheit Halt. Er setzt der Sehnsucht ein verlässliches Ziel: „Leben in Fülle“. Er geht nicht etwa nur als Autoritätsgestalt voran. Er geht dem Verlorenen nach. Er trägt es heim auf seinen Schultern und freut sich, dass er es wieder gefunden hat. Er kämpft für seine Herde, wenn sie durch Wölfe bedroht wird. Er „gibt sein Leben hin für die Schafe“. Darin unterscheidet er sich grundlegend vom bezahlten Knecht; der macht sich im Ernstfall aus dem Staub, „weil ihm ... an den Schafen nichts liegt“. Jesus zeichnet in seinem Hirtenwort ein Bild, das deutlich die Züge seiner eigenen Lebensgeschichte trägt. Es ist eine Art Selbstporträt: „Ich bin der gute Hirt.“ Wahrscheinlich ist es der Evangelist Johannes, der Jesus dieses Wort in den Mund gelegt hat.

Im ersten Petrusbrief gibt es eine ganz ungewöhnliche Formulierung: Gott „der Hirt und Bischof eurer Seele“. Besser übersetzt heißt es: „Gott, der euer Leben hütet und darauf achtet.“ Und der beauftragte Hirte dieses Gottes ist Jesus Christus allein.

Ein französischer Schriftsteller unserer Tage schreibt: „Es gibt zwei Arten von Hirten: Die einen interessieren sich für die Wolle, die anderen für das Fleisch. Für die Schafe interessiert sich niemand.“ Ein hartes Wort, zeitkritisch! Beim Propheten Ezechiel im Alten Testament heißt es: „So spricht Gott, der Herr: Weh den Hirten Israels, die nur sich selber weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? So spricht Gott, der Herr: Ich will meine Schafe selber weiden und mich selber um sie kümmern.“

Nicht nur für fromme Seelen – gesellschaftspolitisch höchst bedeutsam sind solche Aussagen für die ganze Welt. Wie viele Regierungen dieser Welt sind durch die Korruption vergiftet. Da geht es nicht um das Wohl der Menschen, sondern um das Geld in der eigenen Tasche. Ungeschoren kommen die Schafe, sprich die Menschen, nie davon. Das große Geld machen nicht die kleinen Leute. Noch harmlos aber unappetitlich fing es an, als vor Jahren zwei Politiker mit den Masken das große Geld machen wollten, bis auf die heutigen Tage, wo der Krieg wiederum die Schwächsten trifft. Ein Skandal ohnegleichen!

In unserer Kirche sprechen wir ja auch von Hirten. Wir nennen die Bischöfe sogar Oberhirten. Das geht uns so leicht über die Lippen, weil es vielleicht gar nicht mehr auf die Bedeutung dieses Begriffes ankommt. Es ist immer wieder Papst Franziskus, der uns nachdenklich macht, wenn er von glaubwürdigen Hirten spricht. An die argentinischen Bischöfe schrieb der Papst vor einigen Jahren: „Die typische Erkrankung der eingeschlossenen Kirche ist die Selbstbezogenheit: sich selbst zu betrachten mit einem gezierten Klerikalismus, der uns hindert die Freude des Evangeliums zu erfahren. Ich wünsche uns allen diese Freude, die uns vor Groll, vor Traurigkeit und einem Dasein als alte Junggesellen bewahrt. ... Der Herr befreie uns davon, unser Bischofsamt zu beschönigen mit dem Flitter der Weltlichkeit, des Geldes und eines wohlfeilen Klerikalismus.“ Soweit der Papst. In unserer Diözese Augsburg ist es immer noch üblich, bei Rundbriefen für Pfarrer und Bischöfe zu beginnen: hochwürdige Herren, hochwürdigste Herren. Komisch für heutige Zeit. Eine Kleinigkeit, die sich ganz leicht beseitigen lässt. Dann wächst auch der Mut, sich mit dickeren Brocken zu beschäftigen.

Die Kardinäle in Rom werden aber immer wieder fündig, wenn es um glaubwürdige Hirten im Sinne Jesu geht, die auch Kopf und Kragen riskieren, wenn es darauf ankommt. Die Bovesianer haben in diesen Wochen die Bestätigung bekommen, dass die Priester Giuseppe Bernardi und Mario Ghibaudo glaubwürdige Hirten waren, die Kopf und Kragen riskiert haben. Deren Haltung und Verhalten waren in einmaliger Weise glaubwürdig. Aus Boves hat unser Schondorfer Boveskreis umgehend diese Nachricht erhalten. Es ist nun tatsächlich kein Hobby von Wenigen mehr, wenn jeden Monat am 19. die beiden Namen zeitgleich in Boves und Schondorf in einem Gebet genannt werden. Die Partnerschaft Boves-Schondorf hat ihr Narrativ in den Namen dieser beiden Priester. Die Partnerschaft Boves/Schondorf unterscheidet sich ganz wesentlich von den üblichen Städtepartnerschaften durch ihre spirituelle Tiefe und bleibt eine Herausforderung für jede und jeden Schondorfer. Nur so wurde diese Partnerschaft von den Bovesianern an uns in Schondorf als Angebot herangetragen – nur so ist das Narrativ glaubwürdig.

Georg Kappeler SJ